Artikel der Rheinpfalz vom Dienstag, den 08. April 2010
Wenn die Ex-Frau zur Beute wird
VON SABINE SCHILLING
Mit Beharrlichkeit und Fantasie können Stalker anderen Menschen das Leben zur Hölle machen. Den einen standen sie einst sehr nahe, andere kennen sie nicht einmal persönlich. In der Südpfalz zählte die Staatsanwaltschaft Landau im vergangenen Jahr cirka 175 Fälle.
Stalking ist das englische Wort für „Pirschjagd“. Jemandem nachstellen, ihn jagen und hetzen, sich in ihn verbeißen. Stalker demonstrieren ihre Macht. CirKa 175 Fälle hat die Staatsanwaltschaft Landau 2009 in der Südpfalz registriert, davon gelten 75 Fälle als „Trennungs- Stalking“, wie Roland Hertel von der Gerichtshilfe der Staatsanwaltschaft berichtet. Tendenz steigend. Hertel ist auch Leiter der Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt Südpfalz und weiß aus zehnjähriger Erfahrung: Viele Opfer wehren sich erst sehr spät. Seit 1. Januar gibt es in Landau ein Sonderdezernat „Stalking“.
Eine Frau Ende 20 hält ein Seminar in der Südpfalz. Der Abschluss ist für sie der Beginn des Terrors. Ein Teilnehmer heftet sich an ihre Fersen, bombardiert sie mit SMS und Anrufen. Er taucht am Arbeitsplatz auf, stellt sich vor ihr Fenster und starrt sie an. Im Café setzt er sich an einem anderen Tisch ihr gegenüber und fixiert sie ungeniert. Jede Nacht quält er sie mit Klingelterror. Der Irrsinn geht dreieinhalb Jahre. Die Frau muss nachweisen, dass sie durch die Attacken psychisch angeschlagen ist.
Die Jagd beginnt meist mit SMS, E-Mails oder Anrufen. Immer beliebter wird das Cyberstalking. Über Webseiten wie „Wer kennt wen“, „Facebook“ oder „Studi VZ“ sind viele Menschen heute leichte Beute. Die meisten Opfer sind unbedarft,berichten Hertel, seine Kollegin Sabine Kästle von der Gerichtshilfe der Staatsanwaltschaft Landau und die Psychologin Marion Spanoudakis von der Interventionsstelle. Wer vermutet denn, dass sich ein netter Plausch zum Horrortrip auswächst? Anrufe oder SMS zu jeder Tages- und Nachtzeit, Beschimpfungen und Drohungen auf dem Anrufbeantworter, dann wieder Blumen, ständige Kontaktsuche, Auflauern – Stalker kennen keine Grenzen und keine Scham.
Eine Frau lässt sich scheiden. 23 Jahre lang wird sie von ihrem Ex-Partner verfolgt und belästigt. Eines Tages steht ein Bestattungsunternehmer mit Sarg vor der Tür, er wolle die Frau abholen. Ihm sei mitgeteilt worden, sie sei verstorben.
Die Opfer leiden seelisch und körperlich. „Die Auswirkungen sind oftmals gravierend“, sagte Heike Küken, Psychologin von der Technischen Universität Darmstadt vor kurzem bei einer Tagung in Landau. Neben psychosomatischen Beschwerden wie innere Unruhe, Angst, Nervosität, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen oder Depressionen sind auch soziale Isolation und Misstrauen gegenüber anderen die Folgen. Stalking-Opfer fehlen im Schnitt 61 Tage im Jahr an ihrem Arbeitsplatz, so Küken.
Für den Gesetzgeber ist Stalking seit drei Jahren ein Straftatbestand. Seit März 2007 ist Paragraf 238 Strafgesetzbuch in Kraft. Die damalige Justizministerin Brigitte Zypries wollte Stalking-Opfer besser schützen: „Stalking ist keine Privatsache.“ Dem Täter droht Gefängnis bis zu drei Jahren.
Das war gut gemeint, aber nicht das richtige Werkzeug, beklagen die Kritiker. Helmut Metz, Oberamtsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Landau vom Sonderdezernat „Häusliche Gewalt“, ist einer von ihnen. Er hält die Beschreibung in Paragraf 238 für problematisch. Denn „eine eindeutige Definition gibt es nicht“. Beispiel: Was heißt beharrlich? Wiederholt oder dauerhaft? „Ein hartgesottenes und geduldiges Opfer steht nicht unter dem Schutz des Paragrafen 238.“ Andere Gesetze, zum Beispiel das Gewaltschutzgesetz, greifen in vielen Fällen besser, weil sie klarer formuliert sind. Metz fordert mehr Personal an den Stellen, die sofort reagieren und helfen können.
Das Paar trennt sich nach drei Jahren. Er verkraftet die Trennung nicht, belästigt sie mit SMS, Anrufen. Er lauert ihr auf, bedroht sie, sticht die Reifen ihres Autos auf. Und eines Tages erwartet er sie in ihrem Badezimmer, schlägt sie, würgt sie, bringt sie fast um. Wegen gefährlicher Köperverletzung wird er später verurteilt - auf Bewährung.
In der Öffentlichkeit wird Stalking immer noch verharmlost, so die Erfahrung der Beratungsstellen. „Wer von Stalking etwas hört, muss sofort die Maschinerie anwerfen“, warnt Hertel. Meist ist es die Polizei, die den Hilfsapparat in Gang setzt. In der Südpfalz kann sie sich auf ein gut funktionierendes Netzwerk verlassen: „Stopp“ gegen Gewalt.
Ihre Freunde hatten gesagt: „Die Polizei kann eh nichts machen.“ Die junge Frau wird im Internet von einem Unbekannten unter Druck gesetzt. Er kündigt einen Selbstmord zu einem bestimmten Datum an und macht sie für seinen Tod verantwortlich. Die Frau wird am bewussten Tag in der Polizeidirektion betreut, den Beamten gelingt es tatsächlich, den Stalker zu ermitteln – er ist polizeibekannt und bis heute in psychologischer Behandlung.
Gerhard Bohn, einer von vier Bezirksbeamten bei Polizeiinspektion Landau, hat Erfahrung. „Die Polizei kann Stalking nicht mit der Routine begegnen wie anderen Delikten“, sagt er. „Die Opfer sind oft traumatisiert, sie schildern die Ereignisse nicht chronologisch oder vollständig.“ Viele seien verunsichert. Manche kämen sehr spät. Auch Roland Hertel kennt das Dilemma: „Viele schämen sich.“
Er schickt ihr Liebesschwüre und Hasstiraden, Blumen. Und eines Tages eine tote Ratte. Der Mann wird polizeilich vorgeladen. Daraufhin hört der Spuk auf.
In 75 Prozent der Fälle sind laut Hertel Männer die Täter. Viele präsentieren sich selbst als Opfer. „Du bist schuld“ sagen sie ihren Frauen und nehmen so das Opfer mit in die Verantwortung. Die Psychologin Spanoudakis kennt diese Verhaltensweise aus dem Bereich „Häusliche Gewalt“. Die Schwierigkeit besteht darin, sich dem Partner zu entziehen, ein adäquates Ende zu finden. „Bei Staklern hilft nur ein rigides Nein", sagt sie und rät Opfern, Buch darüber zu führen, was wann passiert. Wichtig sei eine konsequente Haltung: „Ich verbiete Dir, Kontakt aufzunehmen.“ Außerdem sollten Opfer Freunde, Nachbarn, Kollegen informieren.
*Die genannten Fälle sind Schilderungen aus der Praxis der Gerichtshilfe bei Staatsanwaltschaft Landau.
Präventiver Opferschutz
Bundesrat unterstützt mit großer Mehrheit rheinland-pfälzischen Gesetzentwurf
Der Bundesrat hat heute mit großer Mehrheit den Entwurf der rheinland-pfälzischen Landesregierung für ein Gesetz zur Stärkung der Täterverantwortung unterstützt und dessen Einbringung in den Bundestag beschlossen. "Mit unserer Initiative wollen wir zu einer wesentlichen Verbesserung des Opferschutzes betragen", so Justizminister Bamberger.
Ziel der Gesetzesinitiative ist die Verbesserung und Erweiterung der Möglichkeiten, Straftäter über staatsanwaltschaftliche oder gerichtliche Weisungen im Rahmen von Ermittlungs- bzw. Strafverfahren qualifizierten Täterprogrammen zuzuweisen.
"Es gibt inzwischen gute Programme, in denen Täter lernen, ihre Wahrnehmung und ihr Verhalten gezielt zu verändern. Gerade in häuslichen Gewaltbeziehungen können so destruktive Strukturen und Verhaltensweisen durchbrochen werden", so Bamberger. Der Minister wies darauf hin, dass es in Rheinland-Pfalz seit dem letzten Jahr - bundesweit einmalig - in allen Landgerichtsbezirken Stellen gebe, die derartige Programme durchführen.
Damit die bestehenden Möglichkeiten besser genutzt werden können, sollen unter anderem die Fristen zur Erfüllung staatsanwaltschaftlicher oder gerichtlicher Weisungen auf ein Jahr verlängert werden. "Ein professionell durchgeführtes Täterprogramm dauert mindestens sechs Monate. Hinzu kommen Aufnahmeverfahren und Folgetermine nach Abschluss des Programms. Hierfür reicht der bisher im Gesetz vorgesehene Rahmen nicht aus. Dies wollen wir ändern. Dabei orientieren wir uns zugleich an den Qualitätsstandards der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt", so Bamberger.
Der Entwurf, der eine entsprechende Änderung der Strafprozessordnung und des Strafgesetzbuches vorsieht, wird nun in Kürze in den Bundestag eingebracht. "Prävention ist ein wichtiger Aspekt des Opferschutzes. Wir werden uns auch weiterhin für seine Stärkung einsetzen", betonte der Minister.
Ministerium der Justiz, Rheinland-Pfalz 55116 Mainz
Artikel aus dem Internetarchiv der Rheinpfalz unter: www.rheinpfalz.de
Artikel der Rheinpfalz vom Dienstag, den 22. April 2008
Siebenmal Prügel - erst dann ziehen Frauen aus
Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt Südpfalz legt Jahresbericht 2007 vor - 472 Fälle - Die meisten Schläger sind über 30
Über 700-mal wurde die Polizei in der Südpfalz im vergangenen Jahr zu Hilfe gerufen, weil Auseinandersetzungen bei Paaren in Gewalt mündeten. Für die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Südpfalz bei der Staatsanwaltschaft Landau sind dies 472 Fälle, weil sie von einem Fall auch spricht, wenn ein Mann mehrfach gewalttätig war. Der Leiter der Stelle, Roland Hertel, legte jetzt seinen Jahresbericht vor. Die Zahl der Erstinterventionen, also die Fälle, in denen die Polizei zum ersten Mal zu Hilfe gerufen wurde, ist kontinuierlich gestiegen - um annähernd 8,3 Prozent. Wie bereits berichtet, ist dies aber kein Zeichen dafür, dass Gewalt zugenommen hat. Vielmehr trauen sich heute mehr Betroffene oder auch Menschen aus dem Umfeld geschundener Frauen, die Behörden einzuschalten. Die 472 Fälle verteilen sich auf sechs Polizeiinspektionen: Landau 151 Fälle, Germersheim 139, Wörth 98, Bad Bergzabern 36, Edenkoben 33 und Annweiler 15. Vier Fünftel der drangsalierten Frauen sahen in den Schlägen ihrer Männer keinen Grund, sie zu verlassen. Für die Mitarbeiter der Interventionsstelle ist das keine Überraschung. „Im Schnitt braucht eine Frau sieben Anläufe, bevor sie ihren Mann verlässt", zitiert Roland Hertel eine Studie. Nachdenklich stimmt die Fachleute, dass erheblich häufiger als bisher Männer gewalttätig wurden, die gar nicht mehr mit ihren Frauen zusammenleben. 150 Fälle von Stalking führt die Statistik: Nachstellungen, Belästigen per Handy, massive Angriffe. In vielen Fällen erstatteten die Opfer erst dann Anzeige, wenn sie körperlich verletzt wurden. Zum ersten Mal wurde im vergangenen Jahr das Alter der Opfer im Rahmen der Erstintervention genau ausgewertet. Die meisten, nämlich 184, sind zwischen 31 und 40 Jahre alt, das entspricht 39 Prozent der angezeigten Fälle. 111 sind zwischen 21 und 30 (24 Prozent), sechs jünger als 20 Jahre. Sehr viel größer ist der Anteil der 41- bis 50-Jährigen: 133 oder 28 Prozent. 25 Frauen waren zwischen 51 und 60, 13 älter als 60 Jahre. Ein Blick auf die Altersstruktur der Täter: Den Löwenanteil stellen die 30- bis 50-Jährigen. 155 Täter waren zwischen 31 und 40 Jahre alt, 149 Männer zwischen 41 und 50 Jahre, 61 zwischen 51 und 60 Jahre, 24 über 60 Jahre, 83 zwischen 20 und 30 Jahre alt. Die Zunahme der Gewalttaten verteilt sich auf alle Nationalitäten. Allein die Übergriffe deutscher Staatsbürger sind seit 2005 um 41 gestiegen. Damit, so heißt es im Bericht der Interventionsstelle, werde eindrücklich mit dem Vorurteil aufgeräumt, häusliche Gewalt sei eher ein Problem von Männern mit fremdem kulturellen Hintergrund. 308-mal waren Deutsche gewalttätig, 47-mal Aussiedler, 35-mal Türken. In 52 Fällen handelt es sich um Paare, bei denen deutsche Frauen mit Männern zusammenleben, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben und „somit ein Frauenbild in sich tragen, das nicht mit unserer Gesellschaftsnorm vereinbar ist". 30 Fälle wurden nicht näher beschrieben. Wertvolle Arbeit bei Migrantinnen 35 Frauen mit Migrationshintergrund wurden betreut. „Wir konnten diese Opfer alle weiterleiten an die Opferberatung", berichtet Hertel und verweist auf die wertvolle Arbeit von Jaina Rabinky-Djalalieva. Sie spricht mehrere Sprachen, darunter Türkisch und Russisch, begleitet die Frauen auf Ämter oder zu Anwälten, hilft ihnen bei der Bearbeitung des Papierkrams. Opferarbeit heißt für die Interventionsstelle auch Arbeit mit den Tätern - Einzelgespräche, Gruppenarbeit und psychologische Beratung. „Die Praxis hat gezeigt, dass eine sinnvolle und sachgemäße Arbeit nur dann möglich ist, wenn sowohl das Opfer wie auch der Täter im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts erreicht werden können", heißt es im Bericht. Gewalt im sozialen Nahbereich müsse unverzüglich gestoppt werden und dürfe auch in Zukunft kein Lösungsmuster für Konfliktsituationen des Täters sein. Nur wenn das Opfer zustimmt, nimmt die Gerichtshilfe Kontakt zum Täter auf mit dem Ziel, ein Umdenken zu erreichen. Seit 2005 waren dazu weniger Frauen bereit. Die Zahl der Täterkontakte der Gerichtshilfe sank von 120 über 91 im Jahr 2006 auf 81 im vergangenen Jahr. Der Trend für dieses Jahr allerdings ist laut Hertel wieder steigend. Gestiegen ist bereits 2007 die Zahl der Männer, die sich freiwillig für das Programm Täterarbeit melden. 31 Männer wurden aufgenommen, oft standen sie vor der Wahl Training oder Trennung. Verfahrenseinstellung oft gewünscht Die meisten Frauen (292) wünschen die Einstellung des Verfahrens, lehnen Hilfsangebote aber nicht ab. In 18 Fällen reichte den Frauen ein ermahnendes Schreiben der Staatsanwaltschaft an den gewalttätigen Gatten. Etwa 20 Prozent der Frauen (59) sehen in der Vorladung des Partners den nötigen „Schuss vor den Bug". 35 Frauen wollten gerichtliche Sanktionen und ließen Anklage erheben. Seit Frühjahr 2008 begleitet die Uni Darmstadt die Arbeit der Interventionsstelle für zwei Jahre.
Pressemitteilung der Landesregierung vom 10. April 2008
Ministerium der Justiz
Staatssekretärin Reich: Engagiert gegen häusliche Gewalt
"Im Bereich häuslicher Gewalt sind sowohl Opfer- als auch Täterarbeit richtige Ansätze, um weitere Eskalationen zu verhindern und destruktive Strukturen zu durchbrechen", erklärte Justizstaatssekretärin Beate Reich heute beim Besuch der Staatsanwaltschaft in Landau. In diesem Zusammenhang sei die Arbeit von Interventionsstellen gegen häusliche Gewalt besonders wichtig. "Hauptziel ist der Opferschutz. In Rheinland-Pfalz haben wir acht Interventions- und darüber hinaus weitere Beratungsstellen, die psychosoziale Erstberatung und Informationen über die rechtlichen Möglichkeiten anbieten. Sie arbeiten eng mit anderen Opferhilfeeinrichtungen wie den 17 Frauenhäusern, dem Mädchenhaus und den 12 Notruf-Beratungsstellen zusammen", so Reich. Auch die Staatsanwaltschaft Landau engagiert sich in besonderer Weise gegen häusliche Gewalt: Sie ist zusammen mit dem Pfälzischen Verein für Straffälligenhilfe Landau e.V. Träger der "Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Südpfalz". Außerdem ist bei der Staatsanwaltschaft Landau seit dem Jahr 2000 ein eigenes Sonderdezernat für Gewaltdelikte im häuslichen Bereich eingerichtet. "Gewalt im häuslichen Bereich, das heißt in engen sozialen Gefügen, ist ein sehr sensibles und komplexes Problemfeld. Hier bedarf es fachkundiger, erfahrener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei allen beteiligten Stellen, um sinnvoll intervenieren zu können", betonte Reich. So habe sich in Landau die frühe Einschaltung der Gerichtshilfe im Sinne einer Clearingstelle bei der Erstintervention durch die Polizei als besonders sinnvoll erwiesen. Reich: "Dadurch werden wichtige Fragen frühzeitig geklärt. Oft stellt sich die häusliche Situation auf den ersten Blick unübersichtlich dar. Durch die professionelle Herangehensweise wird auch eine erste Unterstützung und Beratung für die Opfer schnell ermöglicht". Die Staatsanwaltschaft profitiere ebenfalls von einer frühen Abklärung der häuslichen Verhältnisse vor Ort und einer engen Zusammenarbeit mit Gerichtshilfe, Polizei und Interventionsstelle. Die "Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Südpfalz" übernimmt auf Anfrage die Opferbetreuung und bietet neben kurzfristiger Unterstützung auch längerfristige Begleitung, psychologische Beratung und Nachsorge an. "Gerade im Bereich der häuslichen Gewalt ist darüber hinaus auch die Arbeit mit den Tätern besonders wichtig: Der überwiegende Teil der Partnerschaften, in denen es zu gewalttätigen Übergriffen kommt, besteht anschließend weiter. Die Betroffenen sind oft auf unglückliche Weise in der Gewaltstruktur ihrer Beziehung verstrickt. Sie lässt sich nur durch eine grundlegende Änderung von Handlungsmustern überwinden", so Reich. Die Täterarbeit ziele darauf ab, das Opfer zu schützen und alternative Handlungs- und Lösungsmuster für Konfliktsituationen zu vermitteln sowie eine Verantwortungsübernahme auf Seiten des Täters zu erreichen. Einzelgespräche, intensives Gruppentraining und psychologische Beratung seien dabei wichtige Elemente. "Häusliche Gewalt lässt sich nur durch ein gut abgestimmtes und professionelles Vorgehen der beteiligten Stellen bekämpfen. Hier in Landau klappt die Vernetzung vorbildlich und konnte in vielen Fällen deeskalierend und unterstützend wirken", erklärte Reich und bedankte sich bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihr Engagement.
Artikel der Rheinpfalz vom 11. 04. 2008
"Opfer- und Täterhilfe unter einem Dach Interventionsstelle kämpft gegen häusliche Gewalt"
471 Fälle liefen bei der Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt Südpfalz in Landau im vergangenen Jahr auf. Die Zahl belegt, dass die Dunkelziffer zurückgeht und Zivilcourage kein Fremdwort mehr ist. „Hauptziel ist der Opferschutz", betonte Beate Reich, Staatssekretärin im Landes-Justizministerium Rheinland-Pfalz, bei ihrem gestrigen Besuch bei der Staatsanwaltschaft Landau.
99 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind weiblich, wie Roland Hertel, Leiter der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Südpfalz (besteht seit 1996), informiert. Die Zahl von 471 Fällen häuslicher Gewalt allein im vergangenen Jahr habe die Arbeit „in astronomische Höhen" ( Hertel) getrieben. Dabei entspricht diese Zahl lediglich 15 Prozent der tatsächlichen Fälle.
Zum Vergleich: 2002 wurden der Einrichtung noch 200 Fälle gemeldet. 2008 sind bereits 155 Übergriffe aktenkundig. Hierbei wurden 37 Platzverweise ausgesprochen. Ziel, so Hertel, sei es, innerhalb von 36 Stunden beim Opfer zu sein. Allerdings würden 80 Prozent der Frauen weiter in der Beziehung leben. Auch an der Strafverfolgung bestehe häufig kein Interesse.
Um den Anforderungen gerecht zu werden, kombiniert die Interventionsstelle Opfer- und Täterarbeit. „Damit sind wir bundesweit Modellprojekt. Man beneidet uns vor allem um unser Netzwerk. Ohne das könnten wir nicht so arbeiten", betonte Hertel. „Häusliche Gewalt lässt sich nur durch ein gut abgestimmtes und professionelles Vorgehen der beteiligten Stellen bekämpfen. Das klappt in Landau vorbildlich", analysierte Beate Reich.
Die Interventionsstelle profitiert von zunehmender Zivilcourage. Etwa die Hälfte der auflaufenden Fälle werde entweder vom direkten Umfeld des jeweiligen Opfers oder von Nachbarn gemeldet. Hertel: „Ein Fehlen von Zivilcourage kann ich nicht feststellen."
Eine neue Qualität erfahre das Thema häusliche Gewalt durch Stalking. So würden 150 der 471 Fälle des vergangenen Jahres auf Beziehungen entfallen, bei denen die Partner bereits getrennt leben.
Beate Reich attestierte der Behörde bei hoher Arbeitsbelastung „eine qualitativ hochwertige Arbeit". Allerdings gestand sie ein, dass die Personalsituation in Landau „noch verbesserungswürdig" sei. Für den Doppelhaushalt 2009/2010 werde man sich aber massiv dafür einsetzen, dass im gesamten Bereich Justiz mehr Stellen besetzt werden können. (tc)
Artikel der Rheinpfalz vom 24.11.2007
„Er soll nur nicht so brutal zuschlagen"
Netzwerk „Stopp" gegen häusliche Gewalt in der Südpfalz hilft Opfern, arbeitet aber auch mit Tätern - Heute Infostand Von unserer Redakteurin Sabine Schilling „Schlaf recht gut. Wir werden ja sehen, ob du morgen wieder aufwachst", sagt der Ehemann mit dem großen Küchenmesser in der Hand, bevor er es neben sich auf dem Nachttisch ablegt. Ein Fall, den es tatsächlich gab. Gewalt hat viele Facetten. Es sind nicht nur Schläge, die schmerzen und quälen. Drohungen, Einschüchterungen und Erniedrigungen gehören ebenfalls zum Rüstzeug derjenigen, die ihren Frauen mit Gewalt begegnen, statt sie mit Zärtlichkeiten zu verwöhnen. „Häusliche Gewalt ist immer noch männlich", betont Roland Hertel, Leiter der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Südpfalz. Tatorte sind Wohnungen und Einfamilienhäuser in Hagenbach, Kandel, Schwegenheim, in Pleisweiler-Oberhofen, Offenbach, St. Martin, auch in Queichheim, Dammheim oder Mörzheim. Die Zahl der Ermittlungsverfahren steigt kontinuierlich. Auch in der Südpfalz. Rudi Estelmann von der Polizei Landau rechnet in diesem Jahr erstmals mit 700 Verfahren. Die Dunkelziffer ist noch höher. „ Gewalt in engen sozialen Beziehungen" lautet die korrekte Bezeichnung im Behördenvokabular. Das Netzwerk „Stopp" informiert heute von 10 bis 13 Uhr an einem Stand in der Fußgängerzone vor Optik Prüfe über Formen und Folgen häuslicher Gewalt und bietet Beratung und Hilfe an. Konkreter Anlass ist der morgige internationale Gedenktag „Nein zu Gewalt an Frauen". Das Netzwerk möchte Flagge zeigen und deutlich machen, dass die Gesellschaft Gewalt in Partnerschaften nicht dulden darf. „Soziale Unterstützung ist wichtig bei der Verarbeitung der Probleme. Deshalb stellen wir Öffentlichkeit her", erläuterten sechs Vertreter des Netzwerks in einem Gespräch mit der RHEINPFALZ. Sie sehen darin ein wichtiges Signal zur Enttabuisierung des Themas. „ Gewalt kommt nicht in die Tüte" lautet einer der werbewirksamen Slogans. Barbara Dees, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Südliche Weinstraße und zuständig für die Schutzwohnung des Kreises, Dagmar Zimmermann-Baum vom Landauer Frauenhaus, Annette Heck vom Kinderschutzdienst Germersheim, Rudi Estelmann, bei der Polizei Landau Koordinator für Gewalt in engen sozialen Beziehungen, und Roland Hertel von der Gerichtshilfe Landau, Leiter der Interventionsstelle bei der Staatsanwaltschaft, berichteten über ihre Arbeit, die weit über die Grenzen der Region Vorbildcharakter hat. „Eine Hand greift in die andere", sagte Hertel, „keiner macht das, was er nicht kann." Den betroffenen Frauen werde schnell geholfen, innerhalb weniger Stunden hätten sie erste Unterstützung und würden dann an die entsprechenden Stellen weitervermittelt. Die Interventionsstelle und das Frauenhaus (etwa 50 Geschundene klopfen pro Jahr an dessen Pforte) seien die Drehscheibe. Die Interessen des Opfers stünden an oberster Stelle. Aber das Bemühen der Helfer gilt auch den Tätern. Hauptziel des Projekts, finanziert vom rheinland-pfälzischen Innenministerium und dem Verein für Straffälligenhilfe Landau, ist der Opferschutz durch die Arbeit mit dem Täter. Die Frau wird mit einbezogen, denn die Erfahrungen haben gezeigt, dass etwa 65 Prozent der Partnerschaften auch nach dem Einsatz von Polizei und Gerichtshilfe weiter bestehen. Dem Täter wird deutlich gemacht, dass Gewalt keine Lösung für Konflikte sein darf und dass er die Verantwortung für das eigene Verhalten zu tragen hat. 53 Männer wurden innerhalb der Täterarbeit in diesem Jahr beraten. Bis Ende September wurden 43 von ihnen in das Langzeitprogramm aufgenommen. Erleichtert sind die Mitarbeiter des Netzwerks insbesondere darüber, dass es heute besser denn je gelingt, auch Migrantinnen zu erreichen. Eine Diplom-Pädagogin, seit 2006 fest bei der Interventionsstelle, ist dabei der wichtigste Kontakt, weil sie russisch und türkisch spricht. Migrantinnen sind oft sozial isoliert, kennen ihre Rechte nicht, haben Angst vor Konsequenzen. Dabei seien beispielsweise Russinnen Schläge ihrer Männer gewöhnt, hieß es in der Gesprächsrunde. Sie seien sehr duldsam und auf häusliche Harmonie ausgerichtet. Auch wenn andere kulturelle Hintergründe diese Verhaltensweisen erklären mögen, können sich die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus an Sätze wie „er soll nur nicht so brutal zuschlagen" dennoch nicht gewöhnen. Zwei Drittel der in der Südpfalz aktenkundigen, schlagenden Partner sind jedoch Deutsche.
Telefon Frauenhaus 06341 89626 Interventionsstelle 06341 3819 22 Kinderschutzdienst Landau 06341 141420 Kinderschutzdienst Germersheim 07274 500620
Artikel der Rheinpfalz vom 24.11.2007
Polizei oft erster Helfer
Wie die Interventionsstelle hilft
– Nichts geschieht gegen den Willen der Frau
Schnelle Reaktion, Ermittlung gegen jeden Täter, Hilfe ohne Bevormundung für jede Frau. Das ist das Konzept von Polizei, Staatsanwaltschaft und Interventionsstelle. 1. Die Polizei kommt Die Polizei ist nach einem Notruf der Frau oder der Nachbarn oft der erste Außenkontakt im Gewaltkreislauf einer Familie. Die Polizeibeamten sind für diese Situationen geschult worden. Sie geben dem Opfer eine Broschüre (es gibt sie in sechs Sprachen) mit den wichtigsten Tipps und Anlaufstellen für Gewaltopfer. Um die Frau zu schützen, können die Beamten seit einer Gesetzesänderung von April 2004 den Mann sofort für bis zu zehn Tage aus der Wohnung weisen und ihm den Schlüssel wegnehmen. Hält sich der Mann nicht daran, kann er mit richterlicher Verfügung in Gewahrsam genommen werden. In besonders schlimmen Fällen sprechen die Polizisten ein Kontaktverbot aus, verbieten dem Mann zum Beispiel Telefonanrufe bei der Frau. Jeden Fall von häuslicher Gewalt meldet die Polizei möglichst bald an die Staatsanwaltschaft, bei Platzverweisen sogar binnen 36 Stunden. 2. Der Staatsanwalt schaltet sich ein Eine Landauer Spezialität: In jedem einzelnen Fall lässt das seit 2000 bestehende Sonderdezernat für „ Gewalt im sozialen Nahbereich“ die Gerichtshilfe tätig werden. Wenn die Frau keinen Strafantrag stellt, beruft sich der Amtsanwalt für seine Ermittlungen auf ein besonderes öffentliches Interesse.
3. Dem Opfer wird geholfen In der Gerichtshilfe, die sich in Landau als Teil der Interventionsstelle versteht, arbeiten Sozialarbeiter und Sozialpädagogen im Auftrag der Justiz. Ihr oberstes Ziel ist, dem Opfer zu helfen und zu erforschen, was bei dem Paar los ist – ob zum Beispiel der Mann schon öfter geschlagen hat. Sie schreiben die Frau an und kommen zu einem Gespräch ins Haus. „Wir tun nichts, was die Frau nicht will“, betont Gerichtshelferin Sabine Kästle. Die Gespräche sind vertraulich und nur, wenn die Frau es wünscht, wird auch mit dem Täter und dann mit beiden gemeinsam gesprochen. Niemand wird dazu gedrängt, Strafantrag gegen den eigenen Mann zu stellen. Die Opferbeauftragte Esther Werling von der Interventionsstelle berät und begleitet die Frau auch noch viele Wochen danach und moderiert außerdem zweimal im Monat eine Opfer- Selbsthilfegruppe. 4. Der Täter soll zum Training Auf Empfehlung der Gerichtshilfe stellt der Staatsanwalt entweder die Ermittlungen ein, lädt den Täter vor oder erhebt Anklage. Oder er stellt das Verfahren nur unter der Auflage ein, am Tätertraining der Interventionsstelle teilzunehmen. Das Training dauert mindestens sechs Monate. (kwi)
SCHILLS Quelle: Verlag: DIE RHEINPFALZ Publikation: Pfälzer Tageblatt - Ausgabe Rheinschiene Ausgabe: Nr.273 Datum: Samstag, den 24. November 2007 Seite: Nr.21
Artikel der Rheinpfalz vom 14. 11. 2006
Wer betrunken schlägt, schlägt auch nüchtern
„Schläge sind keine Privatsache" lautete der Titel des Vortrags von Roland Hertel von der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Südpfalz am Samstag im katholischen Pfarrheim im Rahmen des internationalen Tages „NEIN zu Gewalt an Frauen". Anschaulich schildert er dabei, wie die Interventionsstelle Hilfe für Opfer und Täter anbietet.
Der Opferschutz beginnt bei dem Polizeieinsatz: Nach dem Polizeigesetz können die Täter nach dem Motto „Wer schlägt muss gehen" aus der Wohnung der Frau gewiesen werden. Jeder Einsatz der Polizei hat das Eingreifen der Interventionsstelle zur Folge. Wo früher mangels Strafverfolgungsinteresse oftmals nichts unternommen wurde, schaltet sich heute die Interventionsstelle ein - und zwar auch dann, wenn die Frau von einer Anzeige absieht oder diese zurücknimmt.
Im ersten Schritt nehmen Mitarbeiter der Stelle Kontakt zu der Frau auf. Ein Gespräch mit dem Partner findet nur mit deren Einwilligung statt. Da viele Frauen an der Beziehung festhalten und ihren Mann nicht vor Gericht bringen wollen, zeigen die Berater alternative Möglichkeiten auf: vom ermahnenden Brief und der Vorladung zum Staatsanwalt bis hin zur Täterarbeit.
Hertel betont, dass es nicht Ziel ist, die Frau zur Trennung zu drängen. Wichtiger sei es, das Gefühl zu vermitteln, dass ihre Entscheidung akzeptiert wird und sie sich jederzeit erneut an die Interventionsstelle wenden kann.
Für die Berater ist es laut Hertel im persönlichen Gespräch einfach, das wahre Gesicht des Mannes zu erkennen: „Männer können sich ungefähr eine Viertelstunde lang verstellen", berichtet er von seiner Arbeit. Alkohol und Drogen sind für ihn nie die Ursache, sondern nur eine Ausrede: Wer zunächst nur unter Alkoholeinfluss zuschlage, tue dies irgendwann auch nüchtern. „Die Gewalt wird stärker, die Abstände werden kürzer.", beschreibt Hertel die Entwicklung.
„Gewalt an Frauen ist ein Problem, das in allen Kulturen vorkommt." Deshalb stammt eine neu eingestellte Opferberaterin aus Kirgisien. Sie spricht mehrere Fremdsprachen, darunter Türkisch und Russisch, und kennt den kulturellen Hintergrund. So kann sie die Frauen über die Hilfsmöglichkeiten in Deutschland aufklären. Opferschutz und Täterarbeit werden unter einem Dach betrieben. Die Täterarbeit sei aber keine „Weichei-Politik". Den Tätern wird klar gemacht, dass sie allein die Verantwortung für ihr Verhalten tragen und es nicht als Reaktion auf das Verhalten der Partnerin rechtfertigen dürfen. Auch nach Ende der Arbeit rufen die Berater regelmäßig bei den Frauen an, um sich über deren Situation zu informieren. Schon seit zehn Jahren bietet die Interventionsstelle Hilfe in Zusammenarbeit mit Polizei und Staatsanwaltschaft an. Infos unter www-haeusliche-gewalt-landau.de oder Tel. 06341 381922. (mzs)
Artikel der Rheinpfalz vom 18.05.2006 zur offizielle Anerkennung durch das Innenministerium Rheinland-Pfalz
Frauen setzen auf Einsicht
Südpfälzische Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt installiert
„Schläge sind keine Privatsache": So lautet das Motto der „Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt Südpfalz", die am Montag im Beisein zahlreicher Gäste installiert wurde. Als eine gemeinsame Initiative der Staatsanwaltschaft Landau und des Pfälzischen Vereins für Straffälligenhilfe Landau leistet die Einrichtung sowohl Täterarbeit als auch Opferschutz.
Die offizielle Anerkennung der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt ist der Höhepunkt einer fast zehnjährigen Entwicklung im Landgerichtsbezirk Landau, die immer mehr verdeutlichte, dass es nicht ausreicht, den Arbeitsschwerpunkt allein auf das Opfer oder den Täter zu legen.
Dr. Detlef Winter, Leitender Oberstaatsanwalt in Landau, kann sich noch gut an jenen dramatischen Fall erinnern, der die Idee und das Konzept der Interventionsstelle anstieß. Es war, so erinnerte er die Zuhörer in seinem Grußwort, die Tötung einer Frau durch ihren Ehemann. Wohl über 20-mal hatte die Polizei zuvor wegen Handgreiflichkeiten des Mannes einschreiten müssen, doch alle Ermittlungsverfahren wurden eingestellt, weil das Opfer stets von einem Strafantrag absah. So mussten die Behörden das Ehepaar gewissermaßen sich selbst überlassen, und das Verhängnis nahm seinen Lauf.
Mit Hilfe der Interventionsstelle hätte die tödliche Eskalation wohl verhindert werden können, denn die Erstintervention kann nun von der Gerichtshilfe wahrgenommen werden. Dieses staatliche Organ fungiert als „Clearingstelle", veranlasst über die Opferbeauftragte den Opferschutz und - sofern sich das Opfer damit einverstanden erklärt - auch die Täterarbeit. Beides ist bei der Straffälligenhilfe Landau angesiedelt, die, wie ihr Vorsitzender Helmut Kuhs erläuterte, bei der weiteren Vorgehensweise die „Vernetzung unterschiedlichster Einrichtungen" nutzt und eng mit der Initiative Stopp zusammenarbeitet.
Die praktische Erfahrung zeige, dass viele gewaltgeschädigte Frauen an der schwierigen Beziehung zu ihrem Partner festhalten wollen und nicht so sehr an einer Bestrafung, als vielmehr an anhaltender Besserung des Mannes interessiert sind. Eine Tatsache, der die Interventionsstelle nun besonders Rechnung tragen kann.
Ihr Leiter Roland Hertel belegte mit eindrucksvollen Statistiken aus der Projektphase die Notwendigkeit der nun offiziellen Institution. Im vergangenen Jahr wurden nicht weniger als 435 Fälle bearbeitet, wobei es sich übrigens in 267 Fällen um deutsche Staatsbürger handelte. In 232 Fällen blieb die Beziehung weiter bestehen, es gab 87 kurzzeitige und 116 dauerhafte Trennungen, und auch dann wurden die Frauen weiter betreut, um sie aus ihrer Isolation zu lösen und zu stärken. Der Täterarbeit, die mindestens ein Jahr in Anspruch nimmt und neben Einzel- und Gruppensitzungen auf Wunsch auch Paargespräche und eine Nachsorge ermöglicht, unterzogen sich 39 Männer.
Die zum Vorjahr fast astronomisch gestiegenen Klientenzahlen sowie die ermutigenden Erfolge lassen auch für die Zukunft keinen Arbeitsmangel vermuten. So freute sich die Landtagsabgeordnete Christine Baumann darüber, dass die ewige „Zitterpartie" um die Finanzierung nun ein Ende habe. Die Förderung durch das Innenministerium mit 22.000 Euro, so erläutert Dagmar Heine-Wiedenmann vom Frauenministerium, sei angesichts der knappen Haushaltslage durchaus „etwas Besonderes", das die „Pionierarbeit" aller Beteiligten honoriere. Ein Lob, dem sich Wolfgang Hertinger vom Innenministerium anschloss, nicht ohne zu erwähnen, dass man sich in Rheinland-Pfalz die Täterarbeit „flächendeckend auf die Fahnen geschrieben" habe und Landau hier als „Vorreiter und Vorbild" fungiere. (ttg)
Info: Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt , Nordring 15c, 76829 Landau;
Im Internet: www.haeusliche-gewalt-landau.de